Samstag, 18. März 2017

[Rezension] H.G. Wells - Die Zeitmaschine

H. G. Wells - Die Zeitmaschine




Angaben zum Buch:
Titel: Die Zeitmaschine
Autor: H. G. Wells
ISBN: 978-3-86820-366-0
Erscheinungsdatum: Januar 2017
Preis: 6,95 EUR
Verlag: Nikol Verlag


"Kann ein Würfel, der keine zeitliche Dauer besitzt, wirklich existieren?"

Inhalt:
H.G. Wells startete seine literarische Karriere mit einer Serie erfolgreicher Science-Fiction-Romane. Die Zeitmaschine war die erste einer Reihe von phantasievollen literarischen Erfindungen. Der im Jahre 1895 veröffentliche Roman schildert die Abenteuer eines hypothetischen Zeitreisenden, der sich in die Zukunft begibt und herausfindet, dass sich die Menschheit in zwei Gattungen weiterentwickelt hat, die friedlichen Eloi und die räuberischen Morlocks. Die mit darwinistischen und marxistischen Theorien untermauerte Erzählung bietet faszinierende Einblicke in die Zukunft der Welt. Der Roman ist eine gelungene Mischung aus Abenteuer und Pseudowissenschaft, der Szenarien beschreibt, die heute durchaus denkbar sind.


Autor:
Herbert George Wells war eine der auffallendsten Figuren der modernen englischen Literatur. Seine visionären Romane und Erzählungen entsprangen einem wissenschaftlichen Geist, der seine Zeitgenossen in der Zeit von Königin Victoria und Edward VII. nicht nur unterhielt, sondern vor allem junge Menschen faszinierte, mit denen sich Wells am meisten identifizierte. Wells, Lehrer, Aktivist, Journalist und Sozialrevolutionär übte Sozialkritik, beschrieb nie dagewesene Technologien und hatte mit der Zeitmaschine auf Anhieb Erfolg.

Quelle: Nikol Verlag und Amazon



Meine Meinung:

Science-Fiction und Dystopien sind normalerweise nichts für mich. Daher stellte dieses Buch für mich eine kleine Herausforderung dar. Warum also sollte ich es trotzdem lesen? Ganz einfach, in meiner Klassiker-Leserunde wurde darüber gesprochen und wir wollten es gemeinsam lesen.
Das Genre hat es mir nicht gerade leicht gemacht, aber da das Buch nur 125 Seiten hat, wollte ich mich durchbeißen.
Die Welt, wie wir sie kennen, verschwindet und H.G. Wells' Zeitreisender versucht uns Lesern zu zeigen, wie es in der Zukunft aussehen kann. Er vergleicht die Hierarchien mit denen der uns bekannten Welt und versucht sich und uns zu erklären, wie es so weit kommen kann.


Schreibstil:
Da ich das Original nicht kenne, kann ich nur von der im Nikol Verlag erschienenen Version sprechen, die sprachlich sehr modern gehalten und daher gut verständlich ist.
Es wird aus der Sicht eines namenlosen Besuchers einer Herrenrunde im Laboratorium des Zeitreisenden berichtet. Der Erzählstil ist die ICH-Perspektive. Im späteren Verlauf allerdings, wird der Bericht des Zeitreisenden aus seiner Sicht geschildert, was am Ende der namenlose Besucher wieder abschließt.
Der Schreibstil ist wirklich gut, man kann sehr gut folgen und es wirkt nicht künstlich aufgebauscht.
Mit dem Aufbau des Textes (dem sogenannten Satz), bin ich nicht wirklich zufrieden. Es werden zu jedem neuen Absatz bei den Berichten des Zeitreisenden neue geöffnete Anführungszeichen gesetzt, doch am Ende fehlen die schließenden. Da der Nikol Verlag leider keinerlei Angaben zur Ausgabe macht, die als Grundlage des gedruckten Buchs benutzt wurde, weiß man natürlich nicht, ob es Eigenwilligkeit des Autors/früheren Setzers war oder schlichtweg Druckfehler. Auch das Ersterscheinungsdatum des Originaltextes fehlt, was eine tolle Zusatzinfo gewesen wäre. Außerdem sind mittendrin einige Bleiwüsten ohne jegliche Absätze zu finden, was das Lesen auf Dauer etwas anstrengend macht.


Charaktere:
Bis auf Filby und Richardson wird keiner der Anwesenden bei der Herrenrunde mit Namen angesprochen. Selbst der Zeitreisende nicht, denn Namen spielen hier überhaupt keine Rolle. Alleine die Erzählungen des Zeitreisenden sind hier wichtig. Er berichtet von der Reise zu den Eloi und der Freundlichkeit, die ihm entgegenkam. Außerdem erzählt er von der Rohheit und Grausamkeit der Morlocks. Und vom Ende der uns bekannten Welt.
Leider werden die Morlocks nur grob beschrieben, während das Augenmerk auf den gutmütigen Eloi liegt. Das nimmt dem Text etwas die Spannung.


Mein Fazit:
Das erste Drittel kommt nur langsam in Schwung. Die Begegnungen mit den Eloi werden sehr ausführlich behandelt. Von den Morlocks hätte ich gerne mehr erfahren. Der Zeitreisende ist schließlich Forscher und hätte sie besser beobachten sollen.
Besonders gut hat mir das letzte Drittel gefallen. Die Beschreibungen, wie die Erde der Sonne immer näher kommt und das Ende somit näher rückt, hat mich beeindruckt. Wenn man bedenkt, wie nahe seine Ausführungen dem Stand und Wissen der heutigen Forschung kommt ist dieses Buch wirklich eine Glanzleistung.
Zum Ende hin habe ich mich so auf das Thema eingelesen, dass ich gerne noch etwas weitergelesen hätte.
Da es zu Beginn aber doch etwas träge war, gibt es von mir 3 von 5 Sternen.


Bewertung:  3 von 5 Sternen

Montag, 13. März 2017

[Rezension] Jonas Winner - Die Zelle

Jonas Winner - Die Zelle



Angaben zum Taschenbuch:
Titel: Die Zelle
Autor: Jonas Winner
ISBN: 978-3-426-51276-0
Erscheinungsdatum: Januar 2016
Preis: 9,99 EUR
Verlag: Knaur Verlag


"Warte, warte nur ein Weilchen ..."


Inhalt:
Sammy ist elf und gerade mit seinen Eltern nach Berlin gezogen. Im Luftschutzbunker der alten Jugendstilvilla, die die Familie im Grunewald bezogen hat, macht er eine verstörende Entdeckung. Ein vollkommen verängstigtes Mädchen, nicht viel älter als er, ist dort unten in einer Zelle eingesperrt, die man mit Gummifolie ausgekleidet hat. Nur durch einen winzigen Schlitz hindurch kann er sie sehen. Am nächsten Tag ist die Zelle leer, das Mädchen verschwunden. Und für Sammy kann es dafür eigentlich nur einen Grund geben: seinen Vater.


Autor:
Jonas Winner, geboren 1966 in Berlin, promovierter Philosoph, arbeitete nach dem Studium in Berlin und Paris als Journalist, Redakteur für das Fernsehen und als Drehbuchautor (ARD, ZDF, Sat.1). Sein Selfpublishing-Bestseller "Berlin Gothic" sorgte im Netz für Furore. 2012 feierte er mit dem Thriller "Der Architekt" einen großen Erfolg, 2014 folgte "Das Gedankenexperiment". Der Autor lebt mit seiner Familie in Berlin.

Quelle: Knaur Verlag



Meine Meinung:

Thriller gibt es jede Menge, auch mit Schauplätzen in Deutschland. Einen Thriller in Berlin anzusiedeln und somit in direkter Konkurrenz zu Größen wie Sebastian Fitzek zu stehen, das traut sich nicht jeder. Jonas Winner ist dieses Wagnis eingegangen und kann sich durchaus mit dem, wie Knaur Verlag ihn nennt, "Meister des Wahns" messen.

Doch was fasziniert uns Menschen eigentlich an dem Dunklen, dem Abgründigen, dem Bösen? Haben wir, die wir diese Art der "Unterhaltung" bevorzugen, eine masochistische Ader in uns? Ist es die Angst, die uns lockt? Oder lieben wir es, wenn dem Bösen durch einen typischen Durchschnittsmenschen das Handwerk gelegt wird?

Es ist sicher nicht in einem Satz zu beantworten, was jeder einzelne von uns Thriller-Lesern dazu bewegt, aber eines ist klar. Wir lieben den Nervenkitzel in sicherer Umgebung. Wir machen uns zu Zuschauern, Mitwissern und können uns doch sicher fühlen. Wir sitzen in unseren gemütlichen und heimeligen vier Wänden und sehen zu, wie die Figuren in der Geschichte ihre Sicherheiten verlieren. Und am Ende klappen wir das Buch zu mit dem Gefühl selbst sicher zu sein und dem Wunsch so etwas nie erleben zu müssen. 

Jonas Winner versteht es, uns Leser in diese Schreckenswelt zu entführen und das alles aus den Augen eines 11-jährigen Jungen zu entdecken.


Schreibstil:
Sam erinnert sich an Geschehnisse in seiner Kindheit, die bereits über 20 Jahre zurückliegen. 
Durch die ICH-Erzählperspektive entsteht zwischen Leser und Hauptfigur sofort eine gewisse Nähe und die Spannung wird bereits im Prolog aufgebaut. Sie zieht sich gekonnt durch das ganze Buch und bricht nie ab.


Charaktere:
Sammy und sein Vater werden spannend und toll beschrieben. Obwohl man das Gefühl hat, beiden nahe zu sein, haben beide doch etwas Geheimnisvolles und man steigt lange nicht ganz hinter ihre Fassaden. Die anderen Charaktere sind eher Beiwerk und werden oft nur flüchtig erwähnt, doch als Mittel zum Zweck vollkommen ausreichend beschrieben.
Da Sammy erst 11 Jahre alt ist, als in seinem Leben einiges durcheinander gerät, wirken seine Taten manchmal eher unglaubwürdig. Er ist für sein Alter etwas zu "erwachsen", was mich persönlich etwas gestört hat.


Mein Fazit:
Eine wirklich spannende und erschreckende Story, die so oder so ähnlich in jeder Nachbarschaft geschehen könnte. Das macht die Spannung in diesem Buch aus.
Allerdings ist der 11-jährige Sammy oft unglaubwürdig erwachsen und deshalb gibt es von mir 4 von 5 Sternen. 
Alles in allem ein spannender Thriller mit Blick in menschliche Abgründe. Das war sicher nicht das letzte Buch von Jonas Winner, das ich gelesen habe.


Bewertung: 4 von 5 Sternen

Freitag, 3. März 2017

[Rezension] Jeffrey Archer - Clifton-Saga Band 4 - Im Schatten unserer Wünsche

Jeffrey Archer - Im Schatten unserer Wünsche


Mein Dankeschön geht an das Bloggerportal und Random House Audio für das Zurverfügungstellen dieses wunderbaren Hörbuchs.




Angaben zum Hörbuch:
Titel: Im Schatten unserer Wünsche
Autor: Jeffrey Archer
Sprecher: Erich Räuker
ISBN: 978-3-8371-3592-3
Erscheinungsdatum: September 2016
Preis: 14,99 EUR
Verlag: Random House Audio


Inhalt:
Ein neues Kapitel der Clifton-Saga beginnt ...

Im vierten Band des großen Familienepos schreiben wir das Jahr 1957. Die Jugendfreunde Harry Clifton, ein Arbeiterkind, und Giles Barrington, Erbe einer großen Schifffahrt-Dynastie, sind auch verbunden durch die Liebe zwischen Harry und Emma, der Schwester von Giles. Sie haben bereits vielen Herausforderungen getrotzt: Den Wirren um Herkunft und Erbe, Verrat, Intrigen, Krieg. Emma Clifton bietet sich die Gelegenheit, den Vorsitz der Barrington Schifffahrtgesellschaft zu übernehmen und Macht zu gewinnen. Doch die tragischen Ereignisse um ihren Sohn Sebastian, der in einen Autounfall verwickelt wurde, legen einen Schatten über Emma und ihren Mann Harry …

Erich Räuker entführt den Hörer mit seiner wunderbaren Stimme in die Welt der Clifton-Saga.

(2 mp3-CDs, Laufzeit 11h 2)


Autor:
Jeffrey Archer, geboren 1940 in London, verbrachte seine Kindheit in Weston-super-Mare und studierte in Oxford. Archer schlug eine bewegte Politiker-Karriere ein, die bis 2003 andauerte. Weltberühmt wurde er als Schriftsteller. Archer verfasste zahlreiche Bestseller und zählt heute zu den erfolgreichsten Autoren Englands. Sein historisches Familienepos Die Clifton-Saga stürmt auch die deutschen Bestsellerlisten und begeistert eine stetig wachsende Leserschar. Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London und Cambridge.


Sprecher:
Erich Räuker, geb. 1953 in Bückeburg, ist ein viel beschäftigter Sprecher für Funk, Film und Fernsehen. Er synchronisierte Eric Bana in Troja, Alec Baldwin in Nürnberg, Javier Bardem in Goyas Geister oder Richard Dean Anderson als Colonel O´Neill in Stargate. Einem großen Publikum ist er außerdem als die deutsche Stimme von Saul Berenson in Homeland oder Robert Crawley in Downton Abbey bekannt und in zahlreichen Hörspielen und Dokumentarfilmen zu hören. Seit 2008 betreibt Erich Räuker das weltenton - Studio im Süden Berlins und gründete 2011 den gleichnamigen, produzierenden Verlag mit Schwerpunkt Hörbücher und Musik.

Quelle: Random House Audio


Meine Meinung:
Die siebenteilige Saga um die Familien Barrington und Clifton gibt Einblicke in die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts. 
Harry Clifton, die Hauptfigur dieser Reihe, erlebt jede Menge Schicksals- und Rückschläge und muss sich durchs Leben kämpfen. Er bekommt nichts geschenkt, muss sich alles hart erarbeiten, wird dafür aber immer wieder auch belohnt.
Im 4. Band geht es um die 1950er und 60er Jahre in Bristol. Barrington Shipping beginnt mit der Fertigstellung eines Luxusliners, muss mit vielen Verzögerungen und Intrigen zurechtkommen, bis es endlich so weit ist und das Schiff auf Jungfernfahrt gehen kann. Major Fisher und Don Pietro Martinez versuchen weiterhin die Barringtons zu zerstören, ebenso wie Lady Virginia.

Da es dieses Mal wieder mehr um die Reederei und die Intrigen ging und weniger um die politische Karriere einzelner Figuren, hatte ich wieder mehr Freude am Zuhören.


Schreibstil/Vortragsweise:
Die Kapitel sind Personen zugeordnet, aus deren Sicht erzählt wird. So erfährt man die Story aus verschiedenen Blickwinkeln, was dem Leser/Hörer das Gefühl gibt, mehr zu wissen als die einzelnen Figuren.

Die Vortragsweise von Erich Räuker ist auch in Band 4 super. Er haucht den Figuren mit seiner Art zu erzählen Leben ein.


Charaktere:
Positiv fällt wieder einmal Emma auf, die gerade in der Nachkriegszeit, wo die Frauen eher zu Heimchen am Herd degradiert wurden, den Weg nach oben anstrebt. Sie ist taff und lässt sich von der von Männern dominierten Geschäftswelt nicht einschüchtern.

Auch Lady Virginia spielt wieder eine große Rolle, wie nicht anders zu erwarten mit jeder Menge Intrigenspinnerei. Sie ist ein wirklich fieser Charakter in dieser Story, aber in ihrer Fiesheit perfekt dargestellt, so dass man ihre Figur regelrecht hassen will.


Mein Fazit:
Da mir dieser Band wieder deutlich besser gefallen hat und ich mit den Protagonisten wieder mehr mitfühlen konnte, gibt es von mir 4 von 5 Sternen. 1 Stern Abzug gibt es, da es zwischendrin immer mal kleine Längen hat.
Erich Räuker spricht wieder toll und es wird mir schwer fallen, nun einen ganzen Monat warten zu müssen, bis Band 5 vertont ist.


Bewertung:  4 von 5 Sternen

Donnerstag, 2. März 2017

[Gastrezension] Susann Pásztor - Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster

Gastrezension von jenvo82


Susann Pásztor - Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster




Angaben zum Buch:
Titel: Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Autor: Susann Pásztor
ISBN: 978-3-462-04870-4
Erscheinungsdatum: Februar 2017
Preis: 20,00 EUR
Verlag: Kiepenheuer & Witsch


„Man muss sich überhaupt keine Gedanken machen, was man mitnehmen will. Handgepäck reicht völlig aus. Kein Mensch braucht mehr als Handgepäck. Odysseus hatte noch nicht mal Handgepäck dabei, oder?“

Inhalt
Karla ist sterbenskrank und hat sich damit arrangiert, dass sie in naher Zukunft unsere Welt verlassen wird. Ihre Chemotherapie hat sie abgebrochen, denn dem Bauchspeicheldrüsenkrebs ist kein Einhalt zu gebieten. Dafür möchte sie einen Sterbebegleiter, der bis zum Schluss an ihrer Seite bleibt, wie auch immer ihre letzten Tage aussehen werden. Fred Wiener, der Mann, der ihr zur Seite gestellt wird, arbeitet noch nicht lange als ehrenamtlicher Sterbebegleiter und möchte bei Karla, seiner ersten eigenen „Klientin“ alles richtigmachen. Doch er tappt in ein Fettnäpfchen, nachdem er die ungebetene Schwester zum letzten gemeinsamen Weihnachtsfest geladen hat. Nur sein Sohn Phil, der für Karla eine Archivierungsarbeit übernommen hat, gewinnt immer mehr das Vertrauen der Schwerkranken und bewirkt auch bei seinem alleinerziehenden Vater eine Veränderung zum Positiven.

Meinung
Susann Pásztor arbeitet selbst als ehrenamtliche Sterbebegleiterin und diese praktische Erfahrung merkt man ihrem bewegenden, stillen Roman an. Sie entwirft hier ein umfassendes, sehr intensives Portrait über das selbstbestimmte Sterben, über die Möglichkeit, seinem eigenen Leben mehr Tiefe und Gewicht zu verleihen, indem man sich auf einen fremden aber hilfsbedürftigen Menschen einlässt und dadurch das eigene Sichtfeld erweitert.

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt und schildert dadurch diverse Bereiche und die Ansichten aller Beteiligten. Besonders die aufgebaute Vater-Sohn-Beziehung, die von bestechender Kargheit und doch inniger Zuneigung bestimmt wird, steht im Zentrum der Erzählung. Fast gleichbedeutend mit dem langwierigen Prozess des Loslassens im Zuge einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Besonders genossen habe ich die Hintergrundinformationen, die ganz nebenbei in den Text eingeflochten werden, wie z.B. die Tatsache, dass die Mitarbeiter des Hospizdienstes nach dem Versterben, die Fenster weit öffnen, damit die Seele der Verstorbenen in die Freiheit entfliehen kann (auch wenn das eher symbolischen Charakter hat). Äußerst gelungen finde ich auch die Tatsache, dass dieser Roman nicht nur das Sterben thematisiert, nicht nur den Abschied von der Welt, sondern vor allem das Wirken eines Sterbebegleiters, einer Person aus der zweiten Reihe, ohne unmittelbare Verbindlichkeiten, ohne familiäre Hintergründe aber auch ohne weitere Ansprüche.

Und dennoch wirkt gerade durch den ganz normalen, absolut unperfekten Fred Wiener alles sehr authentisch und realistisch. Alle Handlungen, Entscheidungen und Gefühlsregungen sind wunderbar griffig und absolut stimmig, so dass man die erzählte Geschichte problemlos in die eigene kleine Welt transferieren kann. Erwähnenswert finde ich auch die Tatsache, dass dieses Buch lange nachwirkt und erst in seinem Verlauf die volle Schönheit entfaltet – mit jeder gelesenen Seite nimmt das Verständnis für die Protagonisten zu und man fühlt sich als Leser angenehm involviert in den sehr traurigen Prozess der letzten Wochen vor dem Unvermeidlichen.

Fazit
Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen tiefsinnigen, objektiven Roman der den Fokus auf die menschliche aber unbeteiligte Begleitung Sterbender legt und nebenbei sehr viel Lebenserfahrung und Weisheit vermittelt. Ein Buch mit Tiefenwirkung und Nachklang, welches zu Tränen rührt und dennoch Distanz wahrt, ganz so, wie es sich für die Tätigkeit eines Sterbebegleiters gehört. Für Menschen, die uneigennützig ihre Menschlichkeit zur Verfügung stellen und dabei sehr viel über sich selbst lernen. Sprachlich und inhaltlich ist dieser Roman ein ganz besonderes Werk, dem ich sehr gern meine Zeit geschenkt habe.

Bewertung:  5 von 5 Sternen

[Neuzugänge] Februar 2017

Neuzugänge im Februar


Diesmal habe ich gar nicht so viel Neues zu zeigen. Ich habe mir H. G. Wells' "Die Zeitmaschine" gekauft und Dank dem Bloggerportal von Jutta Oltmanns "Die Dufthändlerin" erhalten.






Sonntag, 26. Februar 2017

[Gastrezension] Irmgard Keun - Kind aller Länder

Gastrezension von jenvo82


Irmgard Keun - Kind aller Länder





Angaben zum Buch:
Titel: Kind aller Länder
Autorin: Irmgard Keun
ISBN: 978-3-462-04897-1
Erscheinungsdatum: Februar 2016
Preis: 17,99 EUR
Verlag: Kiepenheuer & Witsch


„ Als ich fortgereist bin, habe ich mit ihm und meiner Mutter zusammen geweint. Wiedersehen kann man sich nicht. Man kann nur sterben und sich gegenseitig umschweben.“

Inhalt
Kully erzählt aus Sicht eines zehnjährigen Kindes aus ihrem täglichen Leben zwischen Geldnot, politischer Verfolgung und dem ständigen Auf und Ab durch ununterbrochenes Reisen. Ihr Vater, ein geächteter Künstler in der Heimat, ist gezwungen sich und seine kleine Familie irgendwie über Wasser zu halten, indem er Gönner sucht und Geld eintreibt, für Bücher, die er noch gar nicht geschrieben hat. Ihre Mutter bemüht sich um etwas Normalität im Alltag, agiert aber letztlich als Handlangerin ihres Mannes. So zieht es die drei rund um die Welt, mal alleine, mal gemeinsam sind sie auf der Suche nach einem stabilen Fundament für die Familie und führen doch ein Leben von der Hand in den Mund immer in Abhängigkeit anderer. Kully erkennt, dass Heimat dort ist, wo die Menschen leben, die man liebt, nicht festzumachen an einem Ort, nicht festzuhalten für die Ewigkeit.

Meinung
Die Autorin Irmgard Keun verarbeitet in ihrem 1938 erschienenen Buch „Kind aller Länder“ autobiografische Züge und liefert damit nicht nur ein Zeitzeugnis der damaligen Welt ab, sondern schildert sehr intensiv und umfassend das Leben im Exil aus Sicht eines Kindes. In einer teils sehr humorvollen, naiven Erzählweise webt sie die Geschichte von Kully und ihrem unsteten Elternhaus. Doch die Leichtigkeit der einzelnen Sätze lässt erahnen, wie schwer der Alltag doch gewesen sein muss. Besonders die ständigen Geldsorgen, die damit verbundenen Lügen und die vielen oberflächlichen Bekanntschaften ihrer Eltern, nur mit dem Aspekt, jemanden zu finden und zu halten, der der Familie wieder etwas leiht, überschatten die kindliche Unbeschwertheit.

Der Roman entwickelt einen ganz eigenen Charme, weil er einerseits noch immer sehr zeitlos ist und andererseits zeigt, wie wichtig geliebte Menschen für ein Kind sind und wie es gelingen kann, trotz aller Sorgen eine Art Familienfrieden zu erhalten. Denn Kully liebt ihre Eltern, liebt ihre Mutter, auch wenn sie viel weint und verzweifelt ist, liebt ihren Vater, auch wenn der übermäßig dem Alkohol zuspricht und viele Unwahrheiten verbreitet. Und wenn es nur die gemeinsame Zugfahrt von einem in ein anderes Land ist, es gibt sie dennoch, die Momente in denen die Hauptprotagonistin spürt, dass sie geliebt wird und Teil einer Gruppe ist, die besteht unabhängig vom Lauf der Welt.

Fazit
Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen interessanten, zeitlosen Roman der die Kindheit eines Menschen in das Zentrum der Erzählung stellt und damit auf sympathische Art und Weise Gesellschaftskritik übt aber vor allem ein Leben abbildet, welches man im Exil führt. Angesprochen hat mich hier nicht nur der Erzählton, sondern in erster Linie die Auseinandersetzung mit den Abhängigkeiten menschlicher Beziehungen, ihrer Brüchigkeit und Kurzlebigkeit einerseits und ihrer Dauerhaftigkeit andererseits, denn Irmgard Keun macht hier deutlich, wie weit Liebe reichen kann und was sie nicht vermag.

Bewertung:  4 von 5 Sternen

[Gastrezension] Sebastian Fitzek - Das Paket

Gastrezension von jenvo82


Sebastian Fitzek - Das Paket





Angaben zum Buch:
Titel: Das Paket
Autor: Sebastian Fitzek
ISBN: 978-3-426-19920-6
Erscheinungsdatum: Oktober 2016
Preis: 19,99 EUR
Verlag: Droemer Knaur


„Sie brach auf zu der gefährlichsten Etappe ihrer selbstzerstörerischen Reise, tief hinein in die Elendsviertel ihrer sinnlosen Existenz.“

Inhalt
Emma Stein hat bereits als Kind einen geheimen Freund in ihrem Schrank gehabt. Nachdem sie ihn Jahre später nach einer Therapie endlich losgeworden ist, beschließt sie selbst die Laufbahn als Psychiaterin anzustreben und genießt bald einen guten Ruf in ihrer Branche. Doch ihr Leben verwandelt sich in einen einzigen Alptraum, nachdem sie von einem Serienmörder, genannt „Der Friseur“ vergewaltigt und schwer traumatisiert wird. Doch diesmal hilft keine Therapie, denn Emmas Wahnvorstellungen reichen bald dramatisch in die Gegenwart hinein. Ein Paket, mit sehr persönlichem Inhalt bringt das Fass zum Überlaufen und lässt Emma zur Mörderin werden, doch niemand glaubt ihren Ausführungen, denn alles bleibt lückenhaft, nur derjenige, der ihr wirklich böses will, behält die junge Frau unermüdlich im Auge und wartet auf ein Zeichen.

Meinung
Als begeisterte Leserin von den spannenden, meist psychologisch angehauchten Thrillern aus der Feder des deutschen Erfolgsautors Sebastian Fitzek, war ich voller Erwartungen und wollte gerne „Das Paket“ entdecken, was schon so viele lobende Leserstimmen erhalten hat. Doch seltsamerweise fand ich weder die geschilderte Ausgangssituation, noch den Verlauf der Erzählung prickelnd, so dass mich bereits die ersten 100 Seiten an diesem neuen Fitzek zweifeln ließen. Der Schreibstil ist wie immer sehr bildlich, ständig steigende Lesespannung garantieren auch die Cliffhänger am Ende eines kurzen Kapitels und die plötzlichen Wendungen im Verlauf des Buches. Doch inhaltlich war es diesmal für mich ein Fehlgriff.

Sehr kennzeichnend für diesen Thriller ist eine vollkommen verängstigte Frau, die ununterbrochen zwischen Paranoia und Realität schwankt. Als Leser trifft man hier nicht nur einen schwierigen Charakter, sondern eine tief gestörte Persönlichkeit, die dennoch harmlos erscheint und der die Umstände im Leben einfach ein Schicksal auf erzwungen haben. Man kann auch die Rahmenbedingungen nachvollziehen und erarbeitet im Kopf ein eigenes Täterprofil, mit Mutmaßungen über Tathergang und Motiv. Auch dieser Schachzug ist gut umgesetzt, aber längst nicht so geschickt wie in vielen anderen Büchern des Autors.

Und trotz einer schlüssigen Auflösung des Falls bleibe ich sehr enttäuscht zurück, mir hat hier so viel gefehlt und anderes war mir schlicht und einfach zu viel. Besonders die Hauptprotagonistin hat mir die Geschichte vergällt, denn ich konnte mit ihr einfach keine Empathie empfinden, weder mit ihren Handlungen, noch ihren Erlebnissen, sie hat mich einfach nur genervt. Auch die Thematik der Traumatisierung, der langsamen psychischen Zerstörung eines Menschenlebens und möglicher Hilfestellungen von außen kam hier zu kurz.

Fazit
Ich vergebe wohlwollend 3 Lesesterne, die tatsächlich nur dem Schreibstil Fitzeks zu verdanken sind, den ich zugegeben echt genial finde und absolut einmalig. Der Inhalt des Thrillers schafft es mühsam auf 2 Sterne und die Hauptprotagonistin möchte ich am liebsten schnell wieder vergessen. Ich warte dann lieber auf ein neues Buch des Autors, dieses hier hake ich unter ferner liefen ab …



Bewertung:  3 von 5 Sternen